Barbara Kaufmann
Informationen
| 1987 | Anfang der Arbeit mit Pina Bausch |
Biografie
Barbara Kaufmann (Hampel) wird 1959 in Braunschweig geboren, wächst jedoch in München auf. 1977 verlässt sie nach der 11. Klasse die Schule und beginnt an der Iwanson International School of Modern Dance (damals Iwanson Dance Center) ihre Tanzausbildung auf Einladung von Jessica Iwanson, die sie 1979 abschließt. Zu Studienaufenthalten reist sie nach Stockholm, Paris und New York. Erste Bühnenerfahrungen sammelt sie mit der Iwanson Dance Company. Jessica Iwanson vermittelt ihr auch eines ihrer ersten Engagements, eine Tournee mit The Police und Eberhard Schöner in der Show Laser in Concert. Ab 1980 arbeitet sie im Tanzprojekt München von Birgitta Trommler, in deren künstlerische Herangehensweise bereits ein Einfluss von Pina Bausch spürbar ist. Auftritte mit dem Tanzprojekt führen sie wieder bis nach New York. 1984 entdeckt Susanne Linke sie in einer Vorstellung von Birgitta Trommler und engagiert sie an das Folkwang Tanzstudio (FTS) nach Essen. Sie trainiert an der Folkwang Hochschule mit wichtigen Lehrern, wie Hans Züllig und Jean Cébron, absolviert eine wochenlange Tournee mit Linke durch Südamerika.
Wie die Dinge sich fügen
Wie die meisten Folkwang-Absolvent:innen lernt auch Barbara Kaufmann Pina Bauschs Frühlingsopfer, das sie erstmals 1985 in Wuppertal mittanzt. Sie hatte das Stück bereits in der Fernsehfassung gesehen und es war maßgebend für ihren Wunsch Tänzerin zu werden. Die starke Emotionalität und physische Unmittelbarkeit des Stückes repräsentierten genau das, was sie tanzen will. 1987 bietet ihr Pina Bausch einen Vertrag in ihrem Tanztheater an. Der lang gehegte Wunsch wird Wirklichkeit. Ohne Vorbehalte taucht sie in Pina Bauschs Probenwelt ein, reagiert auf die Fragen der Choreographin direkt und intuitiv – und staunt, was sie dabei alles entdeckt. Als wichtigste Regel lernt sie, dass weniger meist mehr ist. Pina Bausch schätzt die Direktheit und Ehrlichkeit von Barbara. Sie begegnen einander auf Augenhöhe. In nicht weniger als 26 Produktionen des Tanztheaters tritt Barbara Kaufmann im Laufe der Jahre auf, darunter sieben Uraufführungen: Palermo Palermo, Tanzabend II, Das Stück mit dem Schiff, Ein Trauerspiel, Danzón, Nur Du und Wiesenland. Ermüdungserscheinungen kennt sie dabei nicht; für sie ist jedes Stück eine neue, aufregende Entdeckungsreise.
Langsamer Rollenwechsel
Bereits ab 2001 zieht Pina Bausch Barbara Kaufmann neben ihrer Arbeit als Tänzerin als Probenassistentin hinzu, wirkt sie an der Wiederaufnahme von Repertoirestücken mit und ist an der Aufarbeitung des umfangreichen Kompanie-Archivs beteiligt. Nach Pina Bauschs Tod 2009 übernimmt sie diverse Probenleitungen und assistiert den Gastchoreographen Dimitris Papaioannou und Richard Siegal. Außerdem arbeitet sie von 2010 bis 2016 für die Pina Bausch Foundation im Bereich Dokumentation, Videoannotation und Oral History. Ab 2017 ist sie im Auftrag der Foundation an den Einstudierungen von Pina Bauschs Frühlingsopfer mit dem English National Ballet, der École des Sables und des Opera Ballet Vlaanderen sowie von Iphigenie auf Tauris mit dem Ballett der Dresdner Semperoper beteiligt. Ähnliches leistet sie 2004, 2013 und 2024 bei der Einstudierung von Pina Bauschs Tannhäuser Bacchanal. Außerdem wirkt sie in Filmen von Amos Gitai, Pedro Almodóvar und Wim Wenders mit, tanzt in Videos und Tanzfilmen von Lee Yanor, Anne-Luise Frei und Samantha Shay. Mit den Jahren ist die Tänzerin Barbara Kaufmann zu einem unverkennbaren Gesicht des Tanztheaters geworden; als Probenleiterin bewahrt sie ein tiefes Wissen um die Quellen des Tanztheaters. Wichtig ist ihr bei der Weitergabe an die nächste Generation, nicht allein die formal korrekte Wiederherstellung, sondern die Wiederbelebung des Geistes, aus dem die Stücke entstanden. Sie versucht den Tänzern, Erfahrungsräume zu eröffnen und ihre eigene Imaginationskraft zu mobilisieren. Denn sie weiß: Nur dann füllt sich dieses Erbe mit Leben.
Text: Norbert Servos
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Stückentstehung
Mitarbeit